Repair Café in Kreyenbrück

Repair Café, Foto: Barthel Pester

Warten für den Klimaschutz

RC Kreyenbrück. Foto: Barthel Pester

Der alte Mann steht kerzengerade, sein Gesicht ist fahl, nahezu weiß. Seine Hände halten die Lenkstange seines alten, bezingetriebenen Rasenmähers. Die rechte Hand ist mit einem Handschuh aus Stoff bekleidet. Draußen ist es heiß. Knapp 30 Grad. Für die Jahreszeit deutlich zu warm. Die Klimakrise ist in auch im Stadtsüden Oldenburgs zu spüren. Drinnen ist es auch warm. Drinnen ist das Gemeindehaus von St. Johannes in der Pasteurstraße. An jedem zweiten Freitag im Monat findet dort das Repair Café von 15 bis 17 Uhr statt. Organisiert wird dieser Reparier Treffpunkt von Schüler*innen der IGS Kreyenbrück, Siebt- und Acht-Klässler*innen, die das Fach „Lernen durch Engagement“ belegen.

Der alte Mann steht immer noch. „Der will nicht mehr“, sagt er leise und ernst, er klingt erschöpft. „Ich weiß nicht, woran das liegt“, er versucht an der Lenkstange einen Hebel zu bewegen, doch der rührt sich kaum. „Nehmen Sie bitte Platz. Sie müssen doch nicht stehen so lange Sie warten“, erklärt ihm eine Schülerin. „Wir haben im Blick, wenn Sie dran sind und machen Sie mit einem Reparateur bekannt. Der Reparateur schaut sich dann ihren Rasenmäher an. Und Kaffee und Kuchen gibt es hinter Ihnen“, führt sie weiter aus und überlässt ihn dann seinem Schicksal. Doch der alte Mann schaut weiter ernst, er ignoriert den Hinweis auf Kaffee und Kuchen und lässt sich, innerlich vermutlich dankbar, auf einem Stuhl nieder. Der Rasenmäher nahe bei ihm in Griffweite.

Begegnungen und eine total nette Ansprache

RC Kreyenbrück. Foto: Barthel Pester

Um ihn herum viele muntere junge Menschen, 13, 14 und 15jährige Schüler*innen der IGS Kreyenbrück. Die einen haben ölverschmierte Hände und wegen der Hitze laufen ihnen Schweissperlen an den Schläfen hinunter, die sie mit dem Ellenbogen versuchen wegzuwischen. Sie reparieren Fahrräder. Ein anderer Schüler schaut zu, wie sich Reparateur Karl an einen Staubsauger heranwagt, und hat saubere Hände: „Der ist so alt, mit dem hat schon Kaiserin Marie-Antoinette ihren Palast gesaugt“, dabei grinst Karl verschmitzt, als er das sagt. Die Kundin mit hochgesteckten Haaren wiegt wegen dieser Behauptung ihren Kopf und weiß nicht recht, ob sie diesem vermeintlichem Vorwurf, sie hätte einen zu alten Staubsauger, widersprechen oder ob sie gute Miene machen soll. Vielleicht hat Karl sie ja auch wegen ihres Glaubens in die lange Haltbarkeit ihres Staubsaugers gelobt? Es ist heiß. Kurt reibt sich vergnügt die Hände und taxiert Bürstsauger S interessiert. „2001 habe ich ihn gekauft“, sagt die Frau ein wenig verlegen. Der Schüler mit den sauberen Händen steckt Karl auf dessen Aufforderung hin den Stecker von Bürstsauger S in eine Steckdose.

RC Kreyenbrück. Foto: Barthel Pester

Der alte Mann sitzt geduldig mit ausdruckslosem Gesicht auf seinem Stuhl. Er ist das erste Mal in einem Repair Café. Was das ist weiß er nicht. Er hat zweimal in dieser Woche in der Zeitung etwas vom Reparieren in seiner Nachbarschaft gelesen. Und das das nichts kostet. Nein, wegen Klimaschutz sei er nicht hier. Auch nicht wegen Ressourcenschutz. Er ist hier, weil sein Rasenmäher kaputt ist. Und hier würde ja repariert, schreibt die Zeitung. Die Hitze strengt ihn vermutlich an. Dass Schüler*innen dieses Reparaturangebot organisieren, Lehrer*innen und Ehrenamtliche Hilfe zur Selbsthilfe anbieten entlockt ihm kein Wort. Mit der behandschuhten Hand nimmt er vorsichtig seine Kappe vom Kopf vom Kopf, mit der linken Hand fährt er sich ungelenk über den fast kahlen Kopf.

Jugendliches Selbstbewusstsein und erwachsenes Einfühlungsvermögen

RC Kreyenbrück. Foto: Barthel Pester

Drei junge Menschen männlichen Geschlechtes mit sauberen Händen sitzen konzentriert am Eingang des riesigen Raumes im Gemeindehaus. Sie haben die administrative Aufgabe des Empfangs übernommen. Mit ernsten Gesichtern und hochkonzentriert, begrüßen sie die Besucher*innen, die zum überwiegenden Teil Kund*innen sind und bitten sie, ihnen ein eigens entworfenes Anmeldeformular auszufüllen. Ist es ausgefüllt, weisen die Jungens mit ausgestreckten Arm in die Richtung des Tisches, an dem ein Reparateur sitzt und der für das kaputte Gerät zuständig ist. Das Anmeldeformular nehmen die Kund*innen mit und zeigen es dem Reparateur, wenn sie ander Reihe sind. Einer der Achtklässler trägt in ein weiteres Formular die Kund*innen mit ihrem Namen und ihrem zu reparierenden Gerät in die Liste ein, um am Ende des Repair Cafés zu wissen, wie viele Kund*innen mit welchen Gegenständen bei dieser Ausgabe des „Café kaputt“ dabei gewesen sind. Die drei jungen Männer erklären auch die Regeln, nach denen ein Repair Café funktioniert. Wichtig ist ihnen der Hinweis auf eine Spende und das das Reparieren kostenlos ist.

In den sitzenden alten Mann kommt Bewegung, als er von Reparateur Dieter auf seinen Rasenmäher angesprochen wird. Sie schieben ihn gemeinsam quer durch den Raum und durch eine geöffnete Tür hinaus auf den Rasen vor dem Gemeindehaus. Die Luft dort draußen ist noch ein paar Grad höher. Die Bewegungen des alten Mannes werden noch langsamer. Dieter ist Lehrer an der IGS Kreyenbrück und spürt, dass es dem alten Mann gesundheitlich nicht sonderlich gut geht. „Sie sind doch sicher mit dem Auto hierhin gefahren?“, fragt er. „Nein, ich komme aus der Nachbarschaft. Eine knappe halbe Stunde zu Fuß“, antwortet der alte Mann ernst. Er läßt die rechte Hand nicht von seinem Rasenmäher los. Dieter kratzt sich am Kopf. Er beugt sich hinunter, klippt den Mäher auf die rechte Seite und überprüft verschiedene Funktionen. Er schüttelt den Kopf, kratzt sich an seinem Bart und denkt laut nach. Der alte Mann schaut ausdruckslos zu.

Lebensdauer verlängern und dadurch Ressourcen sparen

RC Kreyenbrück. Foto: Barthel Pester

Auf einmal kommt Bewegung in ihn. Die rechte Hand greift den Seilzug zum Starten. Einmal, zweimal, dreimal, zu zaghaft. Kein Wort verliert der alte Mann. Dieter schaut ihn unentschlossen an. Auf seiner Stirn steht seine Unentschlossenheit geschrieben: Helfe ich ihm und mache ihm damit über deutlich, dass seine Kräfte dafür nicht mehr ausreichen? Dieter muss sich nicht entscheiden, denn der Benzin getriebene Motor hilft ihm aus der Patsche und läuft. Es stinkt nach Sprit in der Hitze, aber die Messer drehen sich nicht. Also Motor wieder aus, das ist es nicht. Plötzlich ist Dieter zu dritt, sprich zwei weitere Reparateure stehen ihm zur Seite. Zusammen kommen sie zu dem Entschluss den Mäher auf eine nahe Mauer zu heben, denn dann können sie leichter versuchen die Ursache herauszufinden. Kleine Lampen mit hoher Leuchtkraft strahlen in das Innere, Hinweise, Ratschläge, Vorschläge und Tipps wechseln einander ab, Schrauben werden gelöst und wieder angezogen bis sich die Blockade in der Mechanik löst und die Messer sich im Kreise drehen und ihre Wirkung auf dem Rasen zeigen. Die drei Reparateure schauen sich zufrieden an. Der alte Mann nickt mit einem Gesichtsausdruck, der an Dankbarkeit erinnert, und schiebt den Rasenmäher in Richtung Nachbarschaft, in der er vermutlich seit Jahrzehnten lebt. „Deswegen bin ich auch hier“, sagt Dieter und schaut dem alten Mann nach, der mit langsamen, kurzen Schritten seinen reparierten Rasenmäher nach Hause schiebt. „Repair Café ist eben ein besonderer Ort der Begegnung und das erfahren unsere Schüler*innen hier“, schiebt Dieter hinterher und wischt sich den Schweiß mit dem rechten Arm von der Stirn.

Reparieren macht Spaß

RC Kreyenbrück. Foto: Barthel Pester

Die Schule des Lebens findet für Dieter und seine Lehrerkolleg*innen auch hier im selbst organisierten Repair Café einmal monatlich für zwei Stunden statt. Im dritten Jahr kommen immer mehr Menschen zu ihnen. Immer mehr aus der Nachbarschaft. Es ist eine tolle Atmosphäre untereinander zwischen den etwa 20 Schüler*innen, den Lehrer*innen, den Reparateur*innen, den Kund*innen und den Besucher*innen. Kaffee und selbst gebackene Kuchen schmecken, Gespräche übers Wetter werden selbstverständlich auch geführt, „heute ist es aber auch heiß, kennen wir gar nicht so früh im Jahr in Oldenburg“, und so ganz nebenbei erklären sie den jungen Menschen, was das Repair Café mit der Klimakrise und dem endlichen Vorkommen von natürlichen Ressourcen zu tun hat. Und wenn dann noch unbegleitete minderjährige Geflüchtete aus Afghanistan eine Nähmaschine reparieren ohne ein Wort deutsch zu sprechen und zu verstehen und die Kundin sie dankbar anstrahlt, ja dann ist die Welt wieder in Ordnung für den Moment.

Zum Schluss: Dieser Text wurde tatsächlich von einem Menschen geschrieben. Das klingt banal, doch das ändert sich schnell, wie sich die Selbstverständlichkeit des Reparierens aus den Anfängen der Menschheit zum Wegschmeißen verändert hat. Für die US-Zeitung Washington Post schreibt schon seit 2016 ein Robo-Journalist. Nur kurze Meldungen zwar und (noch) keine Reportage wie diese hier. Aber Sprachsoftware kann mittlerweile telefonisch Friseurtermine vereinbaren, ohne dass ihrem Gegenüber am anderen Ende der Leitung dass auffällt. Da trifft es sich gut, dass die ehrenamtlich Engagierten der Oldenburger Repair Cafés für eine klimafreundliche Nachbarschaft mit Mitteln der Nationalen Klimaschutzinitiative ausgezeichnet worden sind, so dass auf dieser Homepage solche Artikel wie diese erscheinen.

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