Kaputt ist nicht endgültig

Die Deutschen trennen, verbrennen und recyceln echt viel hierzulande und dennoch produzieren sie viel zu viel Müll. Die deutsche Gesellschaft schenkt den Dingen viel zu wenig Wertschätzung. Repair Cafés sind da anders drauf, denn dort geben Reparateur*innen den Dingen eine zweite Chance und schmeißen sie eben nicht weg.Kaputt muss nicht endgültig sein.

Repair Café Kreyenbrück. Foto: Barthel Pester

Zugegeben: Manchmal wird natürlich auch zügig klar, da ist nichts mehr zu retten. Da gilt nur noch fachgerecht im Oldenburger Abfallwirtschaftsbetrieb entsorgen. So geschehen neulich im Kreyenbrücker Repair Café nach der Sommerpause. Bevor alles von den Schüler*innen der IGS Kreyenbrück gerichtet war, steuerte bereits eine ältere Dame aus der Nachbarschaft zügig in dem Gemeindesaal von St. Johannes auf einen ihr scheints bekannten Reparateur zu und zückte aus ihrer Leinentasche einen Mixer, der ihr in der Küche seit sehr vielen Jahren ein zuverlässiger Helfer gewesen war. Sie fuchtelte mit dem Küchengerät unter des Reparateurs Nase und lobte die treuen Dienste beim Kuchenbacken. Karl fackelte nicht lange, schraubte das drei Generationen junge Rührgerät auseinander, seufzte tief und stellte fest, dass da nichts mehr zu machen sei und sie sich nach einem anderen

Repair Café Kreyenbrück. Foto: Barthel Pester

Gefährten umschauen müsse. Auch einem noch gar nicht so alten Rasierapparat konnte zu keiner weiteren Chance für glatte Männerkinne verholfen. Der Akku war hinüber. Also den neu kaufen? Gibt es nicht mehr zu kaufen. Gebraucht im Internet suchen? Jede Menge Aufwand ohne große Aussicht auf Erfolg. Also weg damit und neu kaufen. Blöde, aber alles andere ist nicht praktikabel. Die Industrie macht es diesem Kunden nicht leicht.

Am Rasierapparatwird wieder einmal deutlich: Wir müssen weg vom Wachstumsparadigma. In Repair Cafés werden Dinge repariert und eben nicht leichtfertig weggeschmissen. Repair Cafés sind ein „Mehr“ an Lebensqualität. Die Haltbarkeit alltäglicher Gegenstände interessiert immer mehr Menschen in Oldenburg: Diejenigen, die reparieren lassen und eben nicht wegschmeißen und diejenigen, die ihre Fertigkeiten anbieten und reparieren. Fünf Reparier Treffpunkte im Stadtgebiet und zwei an den Rändern sind ein Beleg dafür. Von den unsichtbaren Reparateur*innen in irgendwelchen Kellern und Garagen, die im Verborgenen reparieren, wissen wir kaum etwas.

Repair Café Kreyenbrück. Foto: Barthel Pester

Obwohl viel über die Umwelt diskutiert wird, hat sich ihr Zustand in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter verschlechert. Dramatische Rückgänge der Insekten um bis zu 80%. Die komplexen Ursachen und Folgen des Insektensterbens zeichnen ein bedrückendes Bild von den Umweltveränderungen der jüngeren Zeit. Dem gegenüber ist die lebendige Bewegung engagierter Menschen in Repair Cafés ein Zeichen der Hoffnung, dass sich immer mehr Engagierte für Wandel anstatt für Wachstum aussprechen.

Dass auch ausgebuffte Reparateure mitunter sich von der Industrie herausgefordert fühlen verdeutlicht das Beispiel einer recht gewöhnlichen Stehlampe, deren Schalter Karl eine lange Stunde beschäftigte. Doch seine große Ausdauer dem kleinen Schalter gegenüber war die Mühe wert, denn die junge Eigentümerin der Stehlampe verließ glücklich und zufrieden das Repair Café der Schüler*innen der IGS Kreyenbrück. In dieser Stunde der Auseinandersetzung mit der Industrie sind so viele Gespräche darüber geführt worden, sozial genial vor allem zwischen jüngeren und älteren Menschen, über die Geringschätzung sehr vieler Menschen gegenüber den Dingen des täglichen Gebrauchs und dass wir es als Gesellschaft eigentlich besser wissen müssten: In Reparatur Treffpunkten wird menschengerechtes Wirtschaften praktiziert. Alle Beteiligten sind zufrieden. Die Kundin hat Geld gespart und der Reparateur konnte helfen.

Repair Café Kreyenbrück. Foto: Barthel Pester

Denn: Herr, die Not ist gross! Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los. Die Industrie hat es nicht mehr im Griff, wenn dem weltgrößten Massentierhalter vor der Küste Chiles 700.000 Zuchtlachse entkommen. Nach Angaben von Greenpeace ist das eine Umweltkatastrophe mit schweren und noch nicht vorhersehbaren Folgen. Dagegen ist die Wiederentdeckung der Reparatur ein sinnvoller Beitrag zum Schutz des Klimas, auf kurzen Wegen versteht sich.

Noch zwei Beispiele aus dem Stadtsüden, wie sinnvoll Reparieren miteinander ist, denn der Mensch ist nach wie vor ein soziales Wesen, das sich auch noch über Gefühle ansprechen läßt. Die ältere Dame, die eine

Repair Café Kreyenbrück. Foto: Barthel Pester

Stehlampe aus dem vergangenen Jahrhundert geerbt hat und sich nicht von ihr trennen mag. Karl repariert den Stecker im Nu. Die Dame ist mehr als dankbar, denn die Stehlampe schenkt ihr mehr als Licht. Sie schenkt ihr Erinnerungen. An die Umwelt und die Verschwendung von natürlichen Ressourcen denkt sie nicht. Bei ihr sind es familiäre Bande, die sie zum Reparieren bringen. Genauso geht es einer weiteren älteren Dame, die ein ferngesteuertes Auto ihre Sohnes aus den früher 80ern in der Originalverpackung ins Repair Café bringt. Umwelt, wieso? Ihr Enkel soll mit dem Auto ihres Sohne spielen können wie dieser das vor scheinbar unendlich vielen Jahren gemacht hat. Wie gesagt, kaputt ist nicht endgültig.

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