Die Wiederentdeckung der Reparatur

„FLICKEN, AUSBESSERN und WORKAROUNDS – die Wiederentdeckung der Reparatur“ hat Katharina Dutz ihren Vortrag genannt und spannenderweise ist sie erst einmal auf die Bedeutung des Wortes reparieren eingegangen. Im Zusammenhang des Reparierens tauchen auch die Verben flicken auf, austauschen und ausbüßen. Es gab also immer schon unterschiedliche Formen des Bemühens um die Nutzungsdauerverlängerung von Gerätschaften im Sinne einer kulturellen Leistung, die so alt ist wie die werkzeugnutzende Menschheit. In der vorindustriellen Knappheitsökonomie im westlich geprägten Europa des 18. und 19. Jahrhunderts waren Arbeitskräfte billig, Rohstoffe dagegen teuer und nur begrenzt verfügbar. Praktiken des Ausbesserns und Instandhaltens hatten eine hohe sozioökonomische Relevanz und eine weite Verbreitung in allen Bevölkerungsschichten. Reparatur, Umnutzung, Umarbeitung, Weiterverwertung waren selbstverständlich. In einer oekonomischen Encyclopaedie von 1782 wird das Flicken von Fischernetzen als ausbüßen bezeichnet, so dass man „nicht siehet, wo das Loch gewesen ist“, im Sinne von ausbessern und verbessern.

Die handwerkliche Tätigkeit des Flickens hatte damals die Bedeutung einer Operation mit gesellschaftlichem und kulturell universalem Anspruch. Reparieren hatte das Verständnis einer Notwendigkeit des Flickens gesellschaflicher und moralischer Institutionen, so dass sich Christian Felix Weiße 1778 mit „Der lustige Schuster“ veranlasst sah, ein Gedicht dem Flicken zu reimen:

„Minister flicken am Staat:

Die Richter flicken am Rath:

Die Pfarrer an dem Gewissen:

Die Aerzt‘ an Händen und Füssen:

O, Jobsen! was flickest denn du?

Du flickst an den Ministern,

An Richtern, Aerzten, Magistern,

Zerrißne Schuh!“

Mit der global angelegten Industrialisierung des 19 Jahrhunderts veränderte sich die Bedeutung des Flickens mehr zu einem Austausch: Kleine Handwerksbetriebe verlieren an Bedeutung, die Abspaltung des Reparaturgewerbes ist in vollem Gange, wenn aus dem Schuhmacher der Flickschuster wird. Es entstehen neue Tätigkeitsbereiche wie Wartungs- und Kundendienste,o oder etwa die Pannenhilfe. Das Prinzip der normierten und modularisierten Fertigung identischer Ersatzteile greift. Es wird nur mehr ausgetauscht statt geflickt und ausgebüßt.

1918 verfügte ein deutscher Haushalt über 180 Gegenstände, 2018 über 10.000. Dieses Wachstum verdeutlicht unter anderem, wie wenig Wertschätzung wir den Dingen gegenüber aufbringen und welchen Wert sie für uns haben.

Die technologische Entwicklung elektronischer Geräte führte in den letzten Jahren nicht nur in den Industrie-, sondern auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern zu einem rasanten Anstieg der Menge an Elektroschrott, der weitgehend unsachgemäß entsorgt wird und zu massiven Schäden in der Umwelt und beim Menschen führt. Die enorme Zunahme dieser Müllberge beruht u.a. auf dem Phänomen der Obsoleszenz. Neben der geplanten oder billigend in Kauf genommenen Obsoleszenz, bei der aus ökonomischen Gründen ein schneller Verschleiß wichtiger Bauteile zu einer vermeidbaren Nutzungsdauerverkürzung führt, sorgt die immer schnellere Abfolge von Innovationen für einen steigenden Anteil der funktionellen Obsoleszenz, weil die Kompatibilität älterer und neuer Geräte und Funktionen nicht mehr gegeben ist. Neben diesen von der Seite der Produzenten verursachten Formen nicht nachhaltiger Entwicklung tragen aber auch die Konsument*innen entscheidend zu einer Verschärfung des Problems bei, indem vollständig funktionsfähige technische Artefakte entsorgt werden. Das Phänomen der Obsoleszenz wird begleitet von einer Abnahme des Bewusstseins für die Möglichkeit der Reparatur defekter Gegenstände und einer so zu erreichenden Nutzungsdauerverlängerung. Während noch vor wenigen Jahrzehnten die Reparatur ein bildungsrelevanter Bereich und die Sorge für eine maximale Nutzungsdauer selbstverständlich waren, spielen diese Themen heute weder in der Allgemeinbildung noch im Bewusstsein der Kinder und Jugendlichen eine Rolle.

Die Wiederentdeckung der Reparatur führte zu dem Forschungsprojekt Reparaturwissen und -können als Element einer technischen und informatischen Bildung für nachhaltige Entwicklung (RETIBNE), an dem auch die Universität Oldenburg beteiligt ist. Die Arbeitsgruppe Technische Bildung der Universität Oldenburg möchte in Kooperation mit dem Studiengang Informatik mit diesem Projekt die Reparatur als Bildungsaufgabe in den Technik- und Informatikunterricht allgemeinbildender Schulen implementieren. Die didaktische und methodische Aufbereitung der Reparaturaufgaben für den Unterricht soll einerseits dazu beitragen, Schüler*innen in die Lage zu versetzen, eine fachgerechte Identifikation und Analyse von Fehlerquellen vornehmen zu können und die Funktionstüchtigkeit technischer Artefakte wiederherzustellen. Andererseits soll die Auseinandersetzung mit deren Funktionsweise zu einem tieferen Verständnis für die komplexen Probleme beitragen, die mit der Herstellung, Nutzung und Entsorgung verbunden sind. Deshalb sollen Methoden und Materialien entwickelt werden, die im Sinne der Bildung für nachhaltige Entwicklung fächerübergreifend die ethischen, ökologischen, ökonomischen und politischen Implikationen thematisieren, die im Zusammenhang mit der Reparatur sowie der Obsoleszenz stehen.

Zum Programm und zur Abschlusstagung am 07. und 08.03.2019 finden Sie hier.

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