Konstruieren statt konsumieren

Auch Teil V der Vortragsreihe zur Kultur des Reparierens war ein lohnender Nachmittag. 16 Uhr als Vortragszeit schien dem Orgateam als denkbar wenig geeignet und dann noch in der Vorweihnachtszeit, doch die Zusage des Vortragenden war daran gebunden, abends mit der Bahn die heimische Wohnung in Berlin zu erreichen. Und der Mut des Orgateams wurde belohnt von 80 wohninteressierten Menschen. Vielen Dank, dass Sie und ihr dieser nicht gewöhnlichen Einladungszeit gefolgt sind und seid.

Vor dem Vortrag hat Werkstatt Zukunft ein Interview mit Niko Paech und Van Bo Le-Mentzel geführt zu der Frage: Wie viel Quadratmeter braucht ein Mensch zum guten Leben?

Diesen Stuhl hat Christa Stock gebaut - aus einem viele Jahre genutzten Lattenrost.
Diesen Stuhl hat Christa Stock gebaut – aus einem viele Jahre genutzten Lattenrost.

Dass so viele Menschen der Einladung gefolgt sind, lag natürlich am Vortragenden: dem Berliner Architekten Van Bo Le-Mentzel. Van Bo Le-Mentzel ist mit vielen Talenten gesegnet: Er ist außerdem noch Diplom-Ingenieur, Autor, Rapper, Graffitti-Künstler, Filmemacher, Designer, Innovator, Vater. Van Bo ist auch Erfinder der sogenannten Hartz IV Möbel, einer Möbelkollektion, die mittlerweile aus einem Stuhl, Sessel, Schlafsofa, Regal und einem Tisch besteht und die für sehr kleines Geld selbst gebaut werden können und auch sollen. Diese Möbel stehen für eine bescheidene Lebensqualität ohne Schnickschnack, aber dafür mit zeitloser Eleganz. Sie sind aus

Materialien gebaut, die aus ehrlicher und hoher Qualität und Flexibilität sind. Und Van Bo hat auch die sogenannten Karma-Chaks auf den Weg gebracht, also eine Art Turnschuhe, die ohne schlechtes Gewissen getragen werden können, denn Karma-Chaks werden aus Biobaumwolle aus Indien gefertigt. Um schonend mit den Ressourcen unserer Welt umzugehen werden pro Ernte nur 2.000 Paar hergestellt.

Van Bo hat 2015 ein halbes Jahr als Gastprofessor an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg Design unterrichtet. Er hat den Studierenden bei seiner Antrittsvorlesung angekündigt, ihnen allen eine 1,0 zu geben. Dieser Vertrauensvorschuss hole das Beste und Kreativste aus ihnen heraus. Und dann hat er noch sein Professorengehalt in bar monatlich an die Student*innen verteilt. Welch rebellische Akte, wenn das Autoritätsprinzip einer deutschen Hochschule so sehr in Frage gestellt wird.

Das Thema im Rahmen der Vortragsreihe: Co-Being House – ein Haus, in dem Menschen gemeinsam leben und reparieren können. Co-Being House? Bauhaus meets Barock: Das Co-Being House mit den 100-Euro Wohnungen auf 6,4 qm ist eine neue Generation von Mehrgenerationenhäu­sern. Das Co-Being House ist auch schön. Eingerahmt im Rundbogen: Kultur, Gastronomie und Shops. Oben finden Studierende, Familien und Senioren ein neues Zuhause. Praxen, Kanzleien und Beratungsstellen sitzen im 2.OG. Es gibt große und kleine Wohnungen. Die kleinste Wohnung kostet 100 Euro Miete. Regelrecht mitbewohnt werden großzügig gestaltete Gemeinschaftsflächen.

Das demokratische Design hinter der Fassade kommt aus dem Bau­haus, das Formenvokabular aus dem Barock. Das Co-Being House ist ein völlig neuer Typenbau. 2017 am Bauhaus Campus Berlin von der Tinyhouse University entwickelt. Entworfen von Senior*innen und Geflüchteten, Künstler*innen und Wissenschaftler*innen, lmmobilienentwickler*innen und Designer*innen. Der Gedanke gefällt, dass in diesem Haus jung und alt, reich und arm, Singles und Familien zusammenkommen können.

Grundsätzlich stellt sich die Frage: Genügen 6,4 qm für ein würdevolles Leben? Das Thema Wohnen ist ein Besonderes in einer Zeit, in der es weltweit mehr Smartphones als Toiletten gibt und in der in Deutschland die Mieten in Ballungsräumen steigen ohne Ende. Bezahlbarer Wohnraum in Großstädten ist für immer mehr Menschen wegen steigender sozialer Ungleichheit kaum noch zu finden. Bei der Lösung der Klimakrise steht Wohnen gar nicht so sehr im Blickpunkt, obwohl ein Drittel der CO²-Emissionen von den privaten Haushalten verursacht wird.

Neu bauen ist oft mit Verschwendung verbunden, immer teuer und oft unwirtschaftlich. Neu bauen schadet der Umwelt und fördert die soziale Spaltung unserer Städte. Der Oldenburger Autor Daniel Fuhrhop fordert darob in einem Buch das Bauen zu verbieten. Recht so, wenn bundesweit acht Mio. qm Büroflächen leerstehen und sich in zwei Mio. privat genutzten Wohnungen der Staub ausbreitet, weil kein Mensch darinwohnt. Der Architekt Ingo Gabriel spricht davon, dass in Deutschland mehr als 15 Millionen Kinderzimmer leer stehen.

Wir benötigen Strategien, die den CO²-Verbrauch absolut mindern. Die aktuelle Umweltsituation erfordert ein Nachdenken über die Bausteine einer „Großen Transformation“. Dafür braucht es auch den Mut zu radikalen Forderungen. Besser leben ohne Auto, noch besser leben ohne Plastik. Warum nicht auch auf 6,4 qm wohnen?

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