Mythos Wohlstandsmythos

Die Wachstumsparty ist vorbei: Im Rahmen der diesjährigen Fastenaktion hatten das Kirchenradio Oldenburg (KR 55) und die Kirchengemeinde Osternburg den Volkswirt und Nachhaltigkeitsforscher Niko Paech in die St. Jonannis Gemeinde in Kreyenbrück eingeladen, einen Vortrag zu halten, der zur Fastenaktion weniger ist mehr passt. Und Niko Paech, der an der Universität Siegen Plurale Ökonomie lehrt, gab seinem Vortrag den Titel „Der Mythos vom verdienten Wohlstand“.

Unsere Welt verändert sich gerade in eine Richtung, die immer Menschen erschrickt. Insofern ist unser erworbene Wohlstand natürlich nicht „verdient“, sondern beruht auf der Plünderung des Planeten. Es gilt nun einen Wandel by design hinzubekommen und nicht by disaster.

„Sie kaufen Dinge, die sie nicht brauchen, um Leute zu beeindrucken, die sie nicht mögen, mit Geld, das sie nicht haben.“ Dieses Zitat aus dem Film Fight Club mit Walter Slezak macht das Dilemma kapitalistisch geprägter Gesellschaften sehr deutlich. Genügsamkeit ist längst keine Tugend mehr. Wohlstand wird als Produkt menschlicher Leistung gepriesen, der von Rekord zu Rekord eilt. Wachstum, Wachstum und immer weiter so. Ökologische Schäden werden mal so eben wegtherapiert. Wenn das mal so einfach wäre. Niko Paech beklagte, dass die Verbraucher*innen nicht mit den wahren Kosten, z.B. der ihrer Ernährung, konfrontiert werden: „Von den ökologischen Auswirkungen ganz zu schweigen und den Arbeitsbedingungen bei ihrer Herstellung. Die Verschuldung der Staaten verschiebt die Probleme in die Zukunft und drückt heute zu Lasten dieses einen Planeten die Preise.“

 

Darüber hinaus leidet der vom Wohlstand so verwöhnte Mensch an einer nicht zu beschreibenden Reizüberflutung, an vermeintlicher Zeitknappheit, an Stress und einer Konsumverstopfung ohne Gleichen. Für Paech ist der Höchststand an verabreichten Psychopharmaka kein Wunder: „Anders wissen sich diese Menschen nicht mehr zu helfen.“ Die ökologische Tragfähigkeit dieses einen Planeten sinkt kontinuierlich bei steigender Inanspruchnahme der Atmosphäre. Es gelte also, so Paech, die Wohlstandsansprüche zu senken. Ein bis zu 70%iger Rückgang von Insekten und der zunehmenden Versiegelung von Flächen weltweit verdeutlicht täglich, dass die Menschheit dabei ist, die Ökosphäre abzuschaffen, behauptet Paech: „Schon Kant hat festgestellt, der Mensch ist nur vernunftbegabt und eben nicht vernünftig. Auf dieser Erde mit ihren natürlichen Grenzen nehmen logischerweise die Systemdienstleistungen der Natur ab und werden weniger.“ Die Natur liefert den Menschen u.a. eine Vielzahl an Gütern und Leistungen, die die Grundlage für das menschliche Wohlbefinden darstellen: Nahrungsmittel, Trinkwasser, Brennstoffe und Arzneimittel, Schutz vor Überschwemmungen und Bodenerosion sowie Klimaregulation oder Kohlenstoffspeicherung.

Weniger ist mehr. Niko Paech erinnerte daran, dass im vergangenen Herbst 238 engagierte Sozial- und Naturwissenschaftler*innen aus den 28 EU-Mitgliedsstaaten an die EU in einem offenen Brief, dass die Zeit gekommen ist, die Abhängigkeit vom Wirtschaftswachstum zu beenden. In den vergangenen 70 Jahren war das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) das übergeordnete wirtschaftliche Ziel der europäischen Staaten. Während aber die Volkswirtschaften gewachsen sind, haben auch die negativen Auswirkungen unseres Wirtschaftens auf die Umwelt weiter zugenommen. Die EU-Bürger*innen überschreiten bereits heute die ökologischen Grenzen, die der Menschheit einen sicheren Handlungsraum auf diesem Planeten geben. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich die Wirtschaftstätigkeit auch nur annähernd so weit von Ressourcenverbrauch oder Umweltverschmutzung entkoppelt, wie es tatsächlich notwendig wäre. Um die sozialen Probleme in den europäischen Ländern zu lösen, brauchen wir heute kein weiteres Wachstum. Was wir brauchen, ist eine gerechtere Verteilung der Einkommen und des Reichtums, den wir bereits haben.

Weniger ist mehr. Und täglich grüßt das Murmeltier, denn Niko Paech wird so häufig danach gefragt, dass den Menschen nicht zugemutet werden könne, den aktuellen Lebensstandard zu senken. Paechs Antwort darauf: „Weniger Konsum ist kein Verzicht, sondern Selbstschutz.“

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