Ist endlich die drei dran?

Wie ist es zu erklären, dass immer mehr Menschen Interesse daran finden, ein Repair Café zu besuchen? Sind die knapp 1.000 bekannten Repair Cafés in Deutschland eine Reaktion auf politisches Versagen in Sachen Umgang mit Gebrauchsgütern? Ärgern sich immer mehr Konsument*innen, wenn nach recht kurzer Zeit ein noch nicht alter Gegenstand seinen Geist aufgibt? Finden sie keinen Reparaturbetrieb? Oder möchten sie in einem Repair Café Geld sparen, um einer vermeintlich kostspieligen Reparatur in einem Handwerksbetrieb zu entgehen?

Reparieren führt mitunter zu schmutzigen Händen. Foto: Repair Café Oldenburg
Reparieren führt mitunter zu schmutzigen Händen. Foto: Repair Café Oldenburg

Antworten gibt möglicherweise beispielhaft der Tatort Stadtteiltreff Dietrichsfeld, eine öffentliche Einrichtung im Oldenburger Stadtnorden, eines Montagnachmittags zwischen 14.30 und 16.30 Uhr im Mai. Die Sonne scheint. Kaffee und Kuchen stehen bereit. Die beiden Sozialpädagoginnen Regina Dirksen und Meike Plewa sind gespannt darauf, wie das Repair Café dieses Mal angenommen wird. Die beiden ehrenamtlichen Reparateure Carsten und Lutz sind am Start, packen ihr Werkzeug auf Tische und schwuppdiwupp, bevor es richtig los geht, sind auch schon die ersten drei Gäste da mit einem Staubsauger, einem Kinderwagen und einer Handkreissäge.

Geschwind hat Carsten der Handkreissäge das Leben verlängert. Das war keine eigentliche Herausforderung. Lutz dagegen hat mit seinem Staubsauger Pech. Nicht nur hat er völlig schmutzige Hände, sondern er attestiert nach einem langwierigen Auseinanderbauen dem Staubsauger auch noch einen wirtschaftlichen Totalschaden. Die Hände sind schnell wieder sauber, doch die ältere Dame geht ein wenig enttäuscht von dannen: „Wenigstens habe ich es versucht, ihn zu reparieren.“

Mittlerweile ist es nach 15 Uhr und Meike Plewa hat Wartemarken ausgegeben, nachdem es ein wenig zu Unruhe unter den Wartenden gekommen ist, wer denn nun als nächster dran sei mit seiner Reparatur. Regina Dirksen hat das zweite Mal Kaffee gekocht und schaut mit Bangen auf das schwindenden Kuchenangebot. Auch drei kleine Kinder beleben die Szenerie, denn mit hörbarer Begeisterung verteilen sie auf dem Boden Spielzeug, und die eher älteren Erwachsenen machen ungelenk einen Bogen darum, um nicht darauf zu treten. Ein Schlaumeier hat seiner Mutter Wartemarke Nummer drei in die Hand gedrückt und fährt nach Hause, um seinen Plattenspieler zu holen. Die Mutter spielt währenddessen mit einem Schulkind Mensch ärgere dich nicht, trinkt Kaffee dabei und isst ein Stück Kuchen.

Carsten versucht sich an einer kleinen Tischlampe, die er ebenfalls geschwind zum Leuchten bringt und Anerkenung von dem Ehepaar erntet, das im Internet von Repair Cafés erfahren hat und diese für eine „wichtige Sache“ halten. Es wollte ihnen Beiden auch nicht einleuchten, eine Lampe wegzuschmeißen, die nur ein paar Jahre auf dem Buckel hat. Das Gleiche gilt für einen Herrn älteren Baujahres, der mit einem kleinen handlichen CD-Player mit Wartenummer sechs geduldig gewartet hat. „Zum Wegschmeißen zu schade“ und in einem Repair Café sei er zum ersten Mal.

Das Schulkind erhebt sich vom Tisch als strahlende Siegerin, neben sich ihre Mutter, beladen mit einem sehr großen Drucker, dem zu keiner zweiten Chance mehr geholfen werden kann: „Schade, schade, so oft haben wir gar nicht gedruckt, aber diesen Versuch war es wert.“ Lutz hat den Kinderwagen gerichtet und ist nun irrritiert, denn der Schlaumeier mit Wartemarke drei mit seinem Plattenspieler ist wieder da und beharrt auf  der Einhaltung der Reihenfolge. Die Wartenden nehmen es gelassen und Lutz nimmt sich des Gerätes aus dem vergangenen Jahrhundert an, das aus nostalgischen Gründen bislang nicht den Weg zum städtischen Abfallwirtschaftsbetrieb gegangen ist.

Plötzlich klingelt es ungeduldig an der Haustüre, Regina Dirksen bahnt sich ihren Weg durch viele wartende Reparaturwillige und kleine spielende Kinder. Das Klingeln hört nicht auf. Sie wird am barrierefreien Seiteneingang des Stadtteiltreffs sehnsüchtig erwartet – von einem Rollstuhlfahrer. Dieser fährt vorsichtig, aber ruckelig in den Reparier Treffpunkt. Ein Akutfall, denn eine Fußstütze verrichtet nicht mehr ihren Dienst. Meike Plewa reicht ihm eine Wartemarke, die er dankend annimmt. Auch über den Pott Kaffee und das Stück Kuchen freut er sich. Er genießt und wartet geduldig bis er an der Reihe ist. Übrigens: Carsten und Lutz waren an diesem sonnigen Nachmittag im Mai länger als 16.30 Uhr am Tatort.

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