Repair Cafés sind geschlossen.

Bleibt gesund und munter.

Afghanistan

Die beiden Jungens sind unschlüssig. Sie stecken jeder beide Hände tief in ihre Hosentaschen. Sie sind 15, 16 oder 17 Jahre jung. „Sprachlernklasse“, sagt der Pauker. Unbegleitete minderjährige Geflüchtete. Aus Afghanistan. Die beiden stehen herum und wissen nicht recht, was sie machen sollen. Sie kamen in Deutschland erst vor ein paar Monaten an. Seit vier Wochen sind sie in einer Unterkunft im Oldenburger Stadtteil Kreyenbrück untergebracht.

Das Repair Café der IGS Kreyenbrück ist der zweite Reparier Treffpunkt Oldenburgs. IGS steht für Integrierte Gesamtschule und diese IGS bietet Schüler*innen der 8. Klassen das Unterrichtsfach „Lernen durch Engagement“. Besuche in Altenheimen können die Inhalte sein, in Kindergärten dabei sein oder eben ein Repair Café veranstalten. Dieses hat das gewohnte Umfeld der eigenen Schulräumlichkeiten verlassen und mit der evangelischen Kirchengemeinde St. Johannes im Stadtteil eine ideale Partnerin aus der Nachbarschaft gefunden. Den riesigen Raum gibt es umsonst, das eigens angeschaffte und vom Förderverein finanzierte Werkzeug wird im Keller eingelagert, nur der Raum muss besenrein hinterlassen werden. „Na ja, fast besenrein“, schmunzelt der Pauker.

Und er betrachtet die beiden alleine stehenden  jungen Afghanen, die natürlich nicht ein gewachsener Beststandteil der Klassengemeinschaft sind, auch nicht sein können, nach ihrer monatelangen Flucht aus ihrem Heimatland: „Das dauert noch, bis sie angekommen sind. Sie sind halt auch älter als unsere 8. Klässler*innen und deswegen stehen sie hier auch so am Rand des wuseligen Geschehens“,  erklärt der vollbärtige Lehrer.

Doch plötzlich kommt Bewegung in die beiden Jugendlichen aus Afghanistan, denn eine energisch wirkende Frau älteren Baujahres bahnt sich ihren Weg quer durch die kirchliche Räumlichkeit schwer schnaufend auf das Podest am Kopf des Raumes, wo auf drei Tischen zwei Nähmaschinen stehen. Die Frau trägt eine Nähmaschine. Die Jungen springen ungelenk herbei und helfen ihr dabei, die wuchtige Maschine behutsam auf dem freien Tisch abzustellen. Die Frau schaut erleichert auf das gute Stück und beginnt lebhaft zu erzählen, warum sie hier im Repair Café ist, was die Nähmaschine nicht mehr leistet, wie viel sie und was sie mit ihr in den letzten Jahren genäht und umgenäht hat. Sie rattert in einem fort. Sie kommt gar nicht auf den Gedanken, dass die beiden hilfsbereiten Jungen kein Wort deutsch verstehen. Sie selbst spricht natürlich kein Dari oder Urdu.

Doch die Sprachbarriere ist plötzlich kein Hindernis mehr. Die beiden Afghanen verstehen instinktiv, dass diese Nähmaschine nicht mehr so kann wie sie eigentlich soll und ein bescheidenes Lächeln huscht über ihrer beider Gesichter. Sie setzen sich beide und machen sich äußerst konzentriert daran, den oder die Fehler herauszufinden. Umstehende sind mittlerweile auf die drei aufmerksam geworden und attestieren mit anerkennenden Blicken das handwerkliche Geschick und Können der beiden Neuen. Und dann geschieht es: Die Frau älteren Baujahres klatscht begeistert in ihre Hände und bedankt sich mit einem nicht enden wollenden Schwall bei ihren beiden Reparateuren. Schüchtern nicken sie ihr zu. Verlegen schauen sie auf die Umstehenden. Sprachenlosigkeit in einem Repair Café ist kein Hindernis für handwerkliches, erfolgreiches Handeln. Leichter kann Integration nicht gelingen.

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