Applaus der Reparatur

Ein Repair Café an einem neuen Ort einzurichten ist ein jedes Mal eine spannende Angelegenheit. In den Tagen davor stellt sich den Organisierenden jedes Mal die selber Frage: Kommt jemand? Am Tag davor wird die Frage noch erdrückender: Kommt überhaupt jemand? Um zehn vor drei am Nachmittag löst sich diese gepflegte Anspannung: Ein älterer Herr biegt um die Ecke und nimmt Kurs auf das Edith-Russ-Haus, in seiner rechten Hand eine Nähmaschine. „Na also, geht auch hier,“ schauen sich die Organisierenden gegenseitig an.

Im Edith-Russ-Haus für Medienkunst wird das erste Mal ein Treffpunkt zum Reparieren angeboten. In all den Jahren seit 2013, in denen Repair Cafés in Oldenburg an mehr als 15 Orten stattfinden, trifft das Angebot auf eine zahlenmäßig erstaunliche hohe Nachfrage. So auch hier an einem für Reparaturen neuen Ort. Um kurz nach 15 Uhr sind die vier Tische der Reparateur*innen besetzt. Annika näht eine Jeans, Horst sucht nach dem oder den Fehlern eines nicht gängigen Tischschredders, Lutz ist mit einem vermeintlichen Premium-Produkt einer deutschen Marke konfrontiert und Thomas setzt sich mit der Nähmaschine auseinander.

Dass das Edith-Russ-Haus auf die größer werdende Bewegung der Repair Cafés zugegangen ist hat einen Grund: die aktuelle Ausstellung Possessed Landscapes, eine internationale Gruppenausstellung von fünf Künstler*innen. Das Edith-Russ-Haus schreibt dazu: Possessed Landscapes beschäftigt sich mit künstlerischen Repräsentationen von Landschaft – allerdings nicht in ihrer kunsthistorischen Darstellung als Ort der Erholung, als allegorisches Instrument oder als Platzhalterin für erhabene Schönheit. Possessed Landscapes untersucht vielmehr die Beziehungen zwischen Menschen und dem Land unter den Gesichtspunkten der Extraktion, Ausbeutung und Kolonisierung.

Diese Beschreibung ist ein wenig euphemistisch, denn die Fotos und Aufnahmen dokumentieren künstlerisch die Zerstörung des Planeten.

  • Viktor Brim stellt die „postapokalyptische Landschaft“ aus der Diamantenmine Mirny in Sibirien vor,
  • Tanja Engelberts beschreibt die besondere Beziehung des Menschen zu seiner unmittelbaren Umgebung mittels der künstlichen Insel Ijsseloog im Ketelmeer in den Niederlanden, in der mehr als 20 Millionen m³ Klärschlamm deponiert werden,
  • Rachel O’Reilly porträtiert in ihrer künstlerischen Dokumentation INFRACTIONS die Bemühungen indigener Kulturarbeiter*innen gegen die jüngsten Pläne, den „Norden Australiens weiter zu entwickeln“ im Sinne der Fracking-Industrie,
  • Zhou Taos Videokunst veranschaulicht das streng geregelte Leben in der Arbeitswelt Chinas und
  • Zina Saro-Wiwas Aufnahmen aus dem Nigerdelta an der südlichen Küste Nigerias, wo seit mehr als 50 Jahren Erdöl und Erdgas gefördert wird, verdeutlichen, wie sehr die Industrie weltweit in die Natur eingreift, um natürliche Ressourcen abzubauen.

Reparatur ist also dringend erforderlich und trotz jahrelanger Bemühungen der Industrie (z.B. Obsolszenz, keine Ersatzteile) reparieren immer mehr Menschen defekte Gegenstände ihres Alltags. Die Repair Cafés in Oldenburg kooperieren zum zweiten Mal mit einer kulturellen Einrichtung. Mit dem Staatstheater Oldenburg 2014 – 2016 und nun mit dem Edith-Russ-Haus.

Zurück zu Annika, Horst, Thomas und Lutz, die konzentriert vor immer mehr Menschen dabei sind, der Industrie Widerstand zu leisten, indem sie versuchen, kaputten Dingen zu einer zweiten Chance zu verhelfen. Als Lutz bedächtig die elektrisch angetriebene Kettensäge des besagten deutschen Herstellers mit dem guten Ruf mit Strom versorgt und entriegelt, brandet Applaus der wartenden Gäste auf, denn die Kettensäge läuft wieder. Lutz strahlt und der Eigentümer kann sein Glück kaum fassen. Zehn Minuten später hat Thomas den Rasentrimmer zum Leben erweckt und schon wieder klatschen die Gäste begeistert in die Hände. Welch eine Stimmung. Nahezu unbemerkt versorgt Annika eine ältere Dame damit, ihr Smartphone mit einem Guthaben zu versorgen. Dafür gibt’s keinen Applaus, doch auch das klappt in einem Repair Café, das eben neben seinem Werkstatt Charakter auch ein Ort der Begegnung in der Nachbarschaft ist.

Das nächste Mal jeweils mittwochs von 15 bis 17 Uhr am 04.03. und am 25.03. Danach bietet das Edith-Russ-Haus eine kostenlose Führung durch die aktuelle Ausstellung Possessed Landscapes an, die sehr zu empfehlen ist.

 

 

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